God save the EU oder
My little German Angst.

#essay #haltung

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Terroranschläge? Rave the fuck on. AfD? Schmeißt man Torten ins Gesicht. Österreich? Wählt komisch, sonst Wurst. Brexit? Panik breitet sich in mir aus. Darum: auf zur Stimmungsanalyse um acht Uhr morgens in der Düsseldorfer Altstadt. Die Bäckerei Hinkel liebt größtenteils Europa und ist fassungslos, Rewe interessiert sich dann doch stärker für seine Pfandflaschenautomaten als für die EU.

Ich lebe in einer weichen, flauschigen Blase. Auch wenn ich mehr als nur das lese, was Süddeutsche und Guardian okay finden: Ich kann frauenfeindliche, homophobe und nationalistische Kommentare meist nicht ernst nehmen. Das Gefährliche ist, bei allem Zynismus, im Innersten fest daran zu glauben, dass die Zukunft auch ganz ohne unser Zutun nur goldener, freier und friedlicher werden kann.

Wir, die gelangweilt gebildeten Mittelklassekids, haben rebelliert, indem wir 2006 StudiVZ-Gruppen mit Namen wie „Insgeheim hoffe ich auf die Eskalation der weltpolitischen Lage“ irgendwie doch ernst meinten, um nun die Dummen zu belächeln, die glauben, mit Likes die Welt retten zu können. Manchmal finden wir aus der Ferne das Zentrum für Politische Schönheit ganz geil und sexy, das reicht uns an Engagement.

Ich bin immer stolz darauf gewesen, von mir ehrlich behaupten zu können, keine Angst vor nichts und niemandem zu haben. Außer vor Kleidermotten, Straßenbahnschienen beim Radfahren und Brechdurchfall vielleicht. Aber das ist jetzt vorbei.

Ich habe Angst vor mir, weil ich den Großteil meines Lebens dachte, das mit der Emanzipation und der Gleichberechtigung, das wäre durch, da wäre alles super. Ich habe Angst vor mir, weil ich mich nur noch über Hundescheiße auf dem Bürgersteig so aufrege, als sei der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Ich habe Angst vor mir, weil es mich nervt, wenn mich eine Demonstration auf der Kö beim Shoppen stört. Ich habe Angst vor mir, weil mir alle Röcke mittlerweile bis übers Knie gehen. Ich habe Angst vor mir, weil ich aus reiner Bequemlichkeit alle meine Daten zentral aus dem iPhone in die ganze Welt strahle und absolut freiwillig jeden meiner Schritte tracke. Ich habe Angst vor mir, weil ich eine Payback-Karte geordert habe. Ich habe Angst vor mir, weil ich das Nichtrauchergesetz plötzlich klasse finde. Ich habe Angst vor mir, weil die größte anzunehmende Katastrophe wäre, dass Bier auf meine Doc Martens tropft. Oder Cola zero auf mein Kleid. Ich habe Angst vor mir, weil ich darum immer öfter „oh, ein Wasser, bitte, danke“ sage. Ich habe Angst vor mir, weil ich am Samstagabend lieber ironisch MDR gucke als auszugehen. Ich habe Angst vor mir, weil ich nur im Fitnessstudio trainiere, um noch faster, harder, stronger arbeiten zu können. Ich habe Angst vor mir, weil ich keine Meinungen, sondern nur noch Musik teile. Ich habe Angst vor mir, weil ich Europa stets als selbstverständlich angesehen habe. Ich habe Angst vor mir, weil ich nur noch geschätzte viermal im Jahr wütend bin.

Ich habe Angst vor Menschen, die in Nationen denken. Ich habe Angst vor Fußballfans, die Gazprom als Sponsor akzeptieren. Ich habe Angst vor klugen Menschen, die sich ins Private zurückziehen. Und ich habe Angst vor jungen Menschen, die vor alledem keine Angst haben.

Ich bin aufgewachsen damit, mich, wenn überhaupt, als Ückendorfer Europäer*in zu fühlen. Sonst nichts. Postnational, postgender, postthefuckeverything – mit der vermessenen Utopie, auch irgendwann posteurope sein zu können. Aber ist denn in den letzten drei Jahren wirklich alles so viel schlimmer geworden? Nein. Die Welt hat sich nur abgeschminkt. Und vielleicht ist es genau das, was wir brauchen.


Das ist Bürgerbühne.

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